Heike Hidalgo: "Horizonte" - Malerei
Eröffnungsrede
Wir bedanken uns sehr herzlich beim Kunstverein Wunstorf, der diese Ausstellung von Heike in einem so schönen Rahmen ermöglicht.
Der heutige Horizont des Himmels passt auch zum Thema. Warum hat die Malerin diesen Titel für ihre Ausstellung Horizonte ausgewählt?
Seit Jahren ist Heike Hidalgo von spanischer bzw. lateinamerikanischer Dichtung des 20 Jahrhunderts fasziniert. Was empfindet die Malerin bei der Auseinandersetzung mit dem poetischen Werk dieser Dichter, oder geht es gar nicht um Dichtung, sondern nimmt sie diese nur zum Anlass, um etwas ganz anderes auszudrücken?
Was der chilenische Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda über das Wesen der Metapher sagt, - das Wort, "das von der Stelle gerückt ist"- trifft genau den Umgang, den Heike mit der Dichtung pflegt. Der Dichter liebt die Wörter wie der Maler seine Farben.
Heike reißt oft völlig respektlos Verse aus ihrem Zusammenhang, vereinnahmt sie und setzt sie in ihren eigenen Lebenszusammenhang.
Deshalb handelt es sich nicht um Abbildungen zu den vorliegenden Texten, sondern die Texte sind Ausgangspunkt für eigenes Reflektieren, sozusagen Momentaufnahmen, Kreuzungspunkte, Gedankenüberschneidungen.
Nach den ersten Erfahrungen mit der malerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Don Quijote, wo Heike noch in deutlicher Nähe zum Gegenständlichen arbeitete, wurde der mexikanische Dichter, ebenfalls Nobelpreisträger, Octavio Paz der Dichter, der Heikes Malerei lange inspirierte. Es folgten viele Ausstellungen zu dem Thema.
Octavio Paz ist Autor einer Vielzahl von poetischen Werken und bedeutender Essays über die poetische Sprache, über die Beziehungen zwischen ostasiatischer und westlicher Tradition , über Malerei im besonderen und Kunst im allgemeinen, aber auch über das Denken, das aus dem metaphorischen Wort entsteht.
Das Leben des Menschen wird immer von Bildern begleitet, die sich auflösen, überlagern und verwandeln: Ein fortschreitendes Kommen und Gehen, das ein stetig Neues in sich birgt.
In dem Epos Sonnenstein von Octavio Paz lesen wir einige Verse, die vielleicht einen Schlüssel, eine Grundlage zu der Vorgehensweise von Heike enthalten:
(...) "wann sind wir, was wir sind, in Wahrheit, wirklich?
einzeln sind wir, genau betrachtet, niemals
was anderes als Taumel, Schwindel, Leere,
Spiegelfratzen, Entsetzen und Erbrechen,
nie ist das Leben unser, stets von andern,
........
um selbst zu sein, muss ich ein andrer werden,
mich selbst verlassen und mich suchen unter
den andern, die nicht sind, wenn ich nicht da bin,
den andern, die mir volles Dasein geben,
ich bin nicht, Ich gibt es nicht, immer sind wir
als wir, das Leben ist ein andres, immer
jenseits von dir, von mir, nur Horizont stets,
Leben, das uns verlebt und uns entfremdet,
uns ein Gesicht erfindet, es verwittert,
Hunger nach Sein, o Tod, das Brot von allen".
(Sonnenstein, a.a.O., S. 143)
Nach Octavio Paz waren es spanische Dichter wie Antonio Machado, Federico García Lorca und zunächst einmal der in Deutschland weniger bekannte Rafael Alberti, mit deren Dichtung sich Heike beschäftigte. In einer Ausstellung im Jahre 2001 in Albertis Geburtsort El Puerto de Santa María in Andalusien mit dem Titel "volar sin nadie" ("fliegen ganz allein") wird das schon bei Paz vorgefundene Grundthema variiert: die Erfahrung des Abgetrenntseins, der Wunsch nach Verbundenheit.
In einem frühen Gedichtband schriebt Alberti "Über die Engel", körperlose Wesen mit allerlei menschlichen Eigenschaften ausgestattet, die den Luftraum bevölkern. Und darauf folgten Serien mit Arbeiten, die den Blick allmählich nach oben lenkten, in einen Himmel, der noch nicht ausgebeutet und erforscht ist, sondern noch Wunder enthält: "irgendwo zwischen den Wolken muss es Wege geben, die noch kein Mensch gegangen ist".
In einem Gedicht mit dem Titel Himmel von Juan Ramón Jiménez lesen wir:
"Ich hatte dich vergesen,
Himmel, und du warst
nicht mehr als eine ungefähre helle,
wahrgenommen - namenlos -
von meinen müden teilnahmslosen Augen.
Und du schienst auf, zwischen den trägen,
hoffnungslosen Worten des Seefahrers,
wie in den gebrochenen Lagunenzeilen
einer Wasserlandschaft, im Traum geschaut....
Heute habe ich dich lange betrachtet,
und du erhobst dich immer weiter, bis zu deinem Namen."
Häufige Reisen an die Ostsee, Erfahrung des "neuen" Horizonts wiederentdeckter Küstenlandschaften im Nordosten Deutschlands zeigen ein Reflektieren der Dichtung spanischer Poeten an einem ganz anderen Ort.
Das Wort Horizont, in den wichtigsten europäischen Sprachen fast gleich klingend, hat viele Bedeutungen . In der Ursprungsquelle, aus der dieses Wort abgeleitet wurde, steht das Griechische horíson/horísontos. und das Verb horísein. Das bedeutet schneiden und abgrenzen und stammt aus der antiken Astronomie. Zuerst als Adjektiv in Verbindung und in der Bedeutung der den Blick begrenzende Gesichtskreis gebräuchlich, verselbstständigte sich das Wort allmählich zum Substantiv.
In der jüdischen und christlichen Philosophie des Mittelalters spielt der Begriff Horizont eine wichtige Rolle, und zwar in der Schöpfungslehre, nicht weniger als in der Mystik, in der philosophischen Psychologie und Anthropologie, aber auch in der Staatslehre.
Wie Sie sicher wissen, hat auch in der Literaturwissenschaft der Terminus Horizont als Bezeichnung für die jeweils auf einen Text bezogene Erwartung des Lesers bzw. als Horizont des kontinuitätsbildenden Dialogs vom Werk und Publikum bzw. Leser Eingang gefunden.
Dasselbe gilt in der Malerei, wo man, sei es vom Maler wie vom Betrachter aus, über unterschiedliche Arten von Horizonten sprechen kann : allein der Rahmen des Bildes ist schon in seiner Fläche begrenzt durch vertikale und horizontale, im Voraus ausgewählte Barrieren.
Die Bilder von Heike sind zwar durch vorgegebene Formate begrenzt, weisen aber eine Offenheit aus, die ein Weiterträumen, ein Sprengen des Rahmens, eine Fortentwicklung des Dargestellten möglich machen für denjenigen, der bereit ist , sich auf das Gesehene einzulassen und weiter zu träumen.
Es ist aber nicht unsere Absicht, meine Damen und Herren, den Begriff Horizont und seine Bedeutungen und Funktionen in der Geschichte der Philosophie oder der Malerei zu verfolgen und zu interpretieren. Bleiben wir bei der Wortbedeutung.
Horizont ist ein Synonym für Linie, aber auch für Begrenzung, für das Ende der Welt, für Ferne und Distanz, aber auch für örtliche Lage und Umstand, Erweiterung und Perspektive, für Möglichkeiten und Zukunft. Horizont ist oder kann auch Auswege bedeuten. Der Horizont verändert sich je nach ähnlichen, aber auch unterschiedlichen Perspektiven, aus denen der Mensch die Welt betrachtet.
Für Octavio Paz z.B. ist der Horizont Jenseits von Menschen, nie erreichbar. Ist das nun eine traurige Erkenntnis oder eine fröhliche?
Die Ambivalenz dieses Begriffs spiegelt sich auch in Heikes Bildern. Wir ahnen Landschaften, sehen Spiegelungen, vermuten Ferne, glauben Zusammenhänge zu sehen. Und die subtile Farbgebung evoziert Erinnerungen an südliches Licht, aber auch die Helle des Ostseestrandes.
Wir zitieren einen Zeitgenossen Albertis, den spanischen Dichter Jorge Guillén:
"Luft: nichts, fast nichts,
Oder mit einem sehr geheimen Sein,
Oder manchmal ohne Materie,
Nichts, fast nichts: Himmel."
Wer Heike kennt, weiß, mit welcher Begeisterung die Malerin immer wieder vor allem nach der deutschen Vereinigung versuchte, in vielen Reisen die Landschaften Mecklenburgs, aber auch des Baltikums, das Meer und den Himmel der Ostsee immer wieder persönlich zu erleben, am liebsten aus der Perspektive des Radfahrers.
Und wer andere Ausstellungen von Heike gesehen hat, wo die kräftige blaue Farbe des Himmels aus Südspanien dominierte, könnte leicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass die Liebe zu beiden Horizonten verschiedener Art - dem des Südens und dem des Nordens - nichts anderes sein kann als die Betrachtung des Horizonts als Übertragung von Gefühlen und bildhaften Begriffen, die beim Wort der Dichter anfangen können, aber am Ende eine malerische Übertragung sind von Bedeutungen, basiert auf dem gemeinsamen Nenner der subjektiven Übereinstimmungen.
Also Horizont als Heikes Metapher -wofür? Vielleicht für Hoffnung? Oder Erwartung von Antworten auf offene Fragen, einer Sinngebung wie bei dem Gedicht des bekannten spanischen Dichters Federico García Lorca, wenn er in seinem Gedicht Espera (Erwartung) schreibt:
Das Universum
ist in Erwartung von etwas, was sich noch nicht geöffnet hat.
Der unendliche Wald
der Sterne
und die Gewächse der Seele
enthalten den Atem
und schauen zu einem Punkt hin,
der fern ist,
und hoffen auf den Schlüssel
des Mysteriums.
Die Bilder mit dem Titel landunter zeigen einen noch deutlicheren Landschaftsbezug, erinnern uns an Wasserlandschaften, aus denen unbenennbare Gebilde steigen, oder an Wüstenlandschaften, die an noch nicht vergessene Bilder aus den Kriegsereignissen im Irak gemahnen. Sie weisen auf bedrohlichere Situationen, deren Schrecken aber nicht fassbar ist und durch ihre sanfte Farbigkeit gemildert wird.
Abschließend zitiere ich ein Gedicht Rafael Albertis, das er im Jahr 1979 über den Dichter Paul Eluard, einen der Begründer des Surrealismus, schrieb. Ein Vers dieses Gedichts könnte auch der Titel dieser Ausstellung sein "con palabras pintadas" - "mit gemalten Worten":
Paul Eluard
Du gabst uns zu sehen wie jemand, der uns Wasser gibt,
du bist der, der die Worte sichtbar machte, die Dinge,
die nur durch deine Augen existieren konnten,
malend, enthüllend,
berührbare Erscheinung,
manchmal wie ein Flügel, der den Traum aquarelliert,
oder ein jäher Blick, der eine Höhle erleuchten würde.
So,
schauend,
durchdringend das Licht oder auch das Dunkel,
machtest du eine Welt sichtbar mit gemalten Worten."
Emilio Hidalgo